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Ausgewählter Beitrag
Die im Dunkeln

Die im Dunkeln sieht man nicht
Zwei Grundprämissen vorweg:
die aus eigener Kraft nicht auf die Beine kommen.
2. Es misshagt mir, wenn die publikumswirksam gemacht wird.
Beide Prämissen gelten nicht uneingeschränkt. Warum?
Die erste setzt voraus, dass man selbst entscheiden kann, ob und wem man helfen KANN und wenn man dazu nicht in der Lage ist oder nicht für alle Hilfsprojekte spenden, geben oder helfen kann oder will oder dies lieber nicht öffentlich macht oder eben dann, wenn man es selbst für richtig hält, muss auch hingenommen werden, wenn man mal nein sagt. Und anstelle von Geld ist es nicht selten besser, andere Hilfen anzubieten oder zu geben. Das können Päckchen mit allerlei kleinen Spielsachen oder Kinderbüchern sein, die man anonym an einen Kindergarten oder an ein Kinderkrankenhaus schickt. Oder bunte Bastelsachen, wie Ton- und Glanzpapier, Wachsmalkreiden, Buntstifte, Goldfolie, die die eigenen Kinder nicht mehr verwenden, die aber irgendwie im Haushalt geblieben sind. Sogar ein Karton mit haufenweise gesammelten Kastanien, Tannenzapfen und Wal- und anderen Nüssen, die nicht mal Geld kosten, eine Packung Watte, ein paar Bögen rotes Tonpapier und ein paar Tuben Klebstoff zum Basteln kosten kaum was und sind eine tolle Überraschung für einen Kindergarten zu Nikolaus.
Oder Kinderkleidung, Kinderbettwäsche, etc die als Paket anonym an ein Frauenhaus oder an einen Verein geschickt werden, der Frauenhäuser finanziell trägt. Oder mal hie und da ein Blumentöpfchen vor der Türe einer alten Dame, die keine Angehörigen und kaum Besuch hat, ausser vielleicht noch den eigenen Hausarzt.
(Ein Vermerk auf dem Karton für's Frauenhaus "Nur eine kleine Spende, vielleicht können Sie's verwenden" nimmt übrigens die Sorge, es könnte was Unangenehmes sein und ein Zettel zB mit "Wir hoffen, Sie können's brauchen - es soll nur ein bisserl Freude machen" auf Päckchen für Kindergarten oder Kinderkliniken schadet auch nicht, wenn man sonst nicht namentlich in Erscheinung treten mag. Päckchen an private Einzelpersonen könnten aber heikel sein und eher Unbehagen verursachen, wenn sie anonym erfolgen, erst recht.)
Es gibt jede Menge, die man tun und geben kann, ohne dass sie jemandem das Gefühl geben, bedürftig zu sein, sich bedanken zu müssen. Ohne in Erscheinung zu treten.
Die im Dunkeln sieht man nicht.... ein bekannter Titel eines Buches und Films und einer, der die meint, die ganz arm sind, die man aber eben nicht sieht. Übersieht.
Die im Dunkeln sieht man nicht...ist aber hier der Titel, den ich 2004 einem meiner eigenen Lieblingsbilder gegeben hatte. Weil es für mich vor allem was anderes heisst. Das Bild ist eines der ersten mit einer damals neuen Kamera, die ich nachts am Bahnhof ausprobierte für Nachtaufnahmen. Ich hatte eigentlich die Nachtzüge und anderes im Visier. Und als er von hinter mir kommend und an mir vorbei ins und durch's Bild lief, da war im gleichen Moment das Bild erst im Kopf samt Titel und der Finger drückte reflexartig den Auslöser. Und fing einen - bewusst unerkennbar - ein, der wie so viele die Arbeit tut, die allen viel abnehmen. An Last. An Müll. An dem Müll, an dem alle schwer tragen würden, wenn es nicht die gäbe, die sich still, leise und so unauffällig wie möglich darum kümmern. Und die viele lieber gar nicht sehen, hören und vor allem riechen, weil es ihnen - so absurd es ist - sogar selbst zu sehr stinkt, was sie und alle anderen an Abfall produzieren. An dem was weggeworfen wird in unserer Gesellschaft.
Und so sehen auch viele an der Armut vorbei, die nicht selten mit dem Etikett versehen wird, dass das die aus der Gesellschaft Ausgestossenen, Rausgefallenen, durch's Netz Gefallenen, die sogenannten Nicht-Mehr-Leistungsfähigen-und-nicht-mehr-Leistungsträger, sondern allenfalls noch Leistungsempfänger seien. Das wollen viele nicht sehen und auch nicht so genau hinsehen, weil es dann leichter und beruhigender ist, weiter zu glauben, dass es ihnen nicht ebenso passieren könnte. Weil vielleicht Menschen und Geschichten dahinter stehen, die zeigen würden, dass manchmal auch der, der immer sein Bestes gegeben hat, im Leben an Kurven kommt, bei denen er aus eben dieser rausgetragen wird. Und trotz aller Vorsicht zuvor dann abstürzt und kein Netz und auch nicht die durchaus getroffene Vorsorge fängt ihn dann noch auf. Weil in manchen Fällen auch die dann perdu ist, wenn vieles nicht mehr bezahlt werden kann. Und nicht mehr leistbar ist. Ohne HIlfe. So gesehen sind Einzelschicksale gut, die das vor Augen führen.
Auf dem Bild sind die im Dunkeln eben nicht die Bedürftigen. Sondern alle die, die anderen das Leben leichter machen. Über Nacht. In der Nacht. Im Dunkeln. Im wörtlichen und übertragenen Sinn des Wortes. Nicht im Scheinwerferlicht. Die ihre Arbeit tun. Und manchmal auch mehr.Dennoch:
Die zweite Prämisse gilt nicht uneingeschränkt, weil Öffentlichkeit nichts anderes ist, als "wir alle", die Gesellschaft, die nicht immer den Blick hat für ein Bedürfnis und Bedürftigkeit, wenn nicht auf öffentlich darüber geredet wird und weil Einzelschicksale und wie es zu ihnen kommen konnte, die Menschen und ihre Hilfsbereitschaft fraglos besser ansprechen, berühren und damit erreichen, als theoretische Zahlen. Was ich aber nicht mag: Wenn die Bedürftigkeit nur zum Quotentreiber benutzt wird, der Voyeurismus mehr bedient, als dem Einzelnen sinnvoll geholfen wird. Wenn die Edelmütigkeit des "Wohltäters" mehr in den Vordergrund gerät, sein Lebenslauf, sein Erfolg, seine Firma, seine Grosszügigkeit, m.a.W. sein Glanz mehr oder zuviel Raum einnimmt im Vergleich zu dem, der eigentlich das Thema sein sollte. Das ist eine Gratwanderung, die einige der Sendungen im TV derzeit nicht (immer, ausreichend) bewältigen.
„Die Geschenke sind wie Ratschläge; Vergnügen bereiten sie vor allen dem, der sie gibt“, sagte Mile Henriot.
Und „Geben ist seliger, als annehmen müssen" sagte Charles
Tschopp.
Und noch deutlicher formulierte es mit den Worten „Die
sogenannte Freigebigkeit ist meistens nur die Eitelkeit des Schenkens, an
dieser liegt uns mehr als an dem, was wir Schenken" La
Rochefoncaul.
Und was ich gar nicht mag, ist das Einschleichen in das Leben anderer unter falschem Vorwand, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen. Und auch das noch tv-öffentlich. Man mag sich fragen, wieviel Inszenierung da von vornherein dran ist, denn von Anfang an ist ja die Kamera dabei. Aber nehmen wir mal an, die Aus-Gefilmten und Aus-Geforschten sind ahnungslos. Auch in der Phase, in der eine "bedürftige" Familie glaubt, sie helfe selbst nur einem, dem es genauso schlecht oder schlechter als ihnen selbst schon geht. Wie sollten sie das vor laufender Kamera NICHT tun, so gut sie irgend können ? Aber was ist - und das stört mich mehr daran - die Motivation, sie erst so auszutesten? Zu sehen, ob sie selbst hilfsbereit sind mit dem wenigen, was sie eh nur haben? Weil sie nur dann "wert" sind, dass man ihnen auch hilft,, wenn sie selbst solidarisch sind? Ja, unsere Gesellschaft lebt vom Sozialleistungsgedanken der Solidarität, aber: Muss man sich deswegen mit anderen Worten nicht nur Hilfsbedürftigkeit, sondern auch noch die Hilfsbereitschaft und diese tv-öffentlich verdienen? Was für eine Anmassung steckt in einem so im Medium TV dann agierenden "Wohltäter"? Und dann versetze man sich mal in die Lage einer solchen Familie, die jemanden in den eigenen 4 Wänden bewirtet und beherbergt, der sie hinter's Licht und vor die Kamera geführt und an der Nase herumgeführt hat offenkundig zu nix anderem, als um zu testen, ob sie es wohl würdig sind, dass sie auch Hilfe kriegen? Mal abgesehen davon, dass ich mich eh nie auf solche TV-Sendungen einlassen und die auch nicht bei mir hereinlassen würde: Jemandem helfen ist eine Sache, aber wenn das sich hinterher herausstellt, dann wäre es mir egal, ob ich Hilfe von ihm bekommen würde - der könnte sich ganz schnell verabschieden und seine Hilfe behalten. Denken Menschen eigentlich auch mal über den Stolz, die Demütigung, die Vorführung, den Respekt vor dem an Würde nach, was auch und gerade Menschen, die wenig haben eh jeden Tag neu zusammenkratzen müssen? Und dann sollen sie sich getestet und für gut und würdig befunden noch höchst dankbar bedanken, dass sie "beschenkt" werden, während man sie auch noch medien- und quotenergiebig ausbeutet? Nein, wer so agiert, kann seine Wohltätigkeit von mir aus gern behalten. Würde ich mir denken und auch sagen. Was für eine Arroganz und Herablassung liegt in einem solchen Austesten!?
In ein paar Tagen ist wieder mal Martinstag. Ich kann mich nicht daran
erinnern, dass jener St Martin seinen Mantel erst geteilt und eine Hälfte
abgegeben hatte, nachdem er den Bettler erst ausgefragt und ausgetestet hätte,
ob der’s auch wert ist. Der Bettler fror schlicht und einfach - und St Martin teilte.
Punktum. Keine langen Worte, Taten. Er gab damit mehr als den Stoff. Wärme. Die man auch mit Worten geben kann. Heutzutage. Weil manchmal zuhören, mitempfinden und ein gutes Wort geben, das Gefühl zurückgeben, noch ebenbürtig, nicht kleiner, nicht allein mit den zu hoch werdenden Hürden und vor allem ebenfalls etwas und genug wert zu sein. Beachtet und nicht übersehen zu werden. Nicht überhört. Und ihnen damit auch die eigene Stimme zu geben und ihnen wieder eine Stimme zu geben. Wahrgenomen zu werden mit dem, was für SIE und nicht für andere und Medien wichtig ist. Dafür gebe ich gerne meine Stimme. Aber : Auch beim Martin war keine Presse dabei, als er einem Einzelnen das Nötige gab. Wie man davon erfuhr ? Steht
nirgends, aber was liegt nahe? Der Bettler wird’s wohl selbst erzählt haben.
Weil er darüber reden wollte. Nicht weil er musste. Und schon gar nicht, weil
alles eh vor laufenden Kameras geschehen wäre. Zyniker mögen entgegnen:
Vielleicht hat auch der Martin selbst anderen davon erzählt.......... warum ich
das nicht glaube? Solche Angeber mag niemand genug, um dann Heilige aus ihnen
zu machen.... ganz einfach. ;-)
(c) Copyright by Liz Collet
Bildquelle: Die im Dunkeln sieht man nicht
Sandmuschelchen 31.10.2008, 04.56
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